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Wie geht die sozialökologische Transformation voran – im Kleinen und im Großen? Und wie könnte sie weitergehen? Oder wie nicht? Gedanken dazu findest Du hier, angeregt von direkt Erlebtem, Gelesenem oder Gehörtem.

27.7.20 Chance und Risiko! von Otto Merkel

Bisher nicht abgedruckter Leserbrief zu dem BA-Artikel Kreis Bergstraße wird „Ökomodellregion“ vom 21.7.20

Es ist auf jeden Fall eine Chance, dass unser Landkreis jetzt auch Ökomodellregion geworden ist. Projekte zur Ökologisierung der Landwirtschaft und regionalen Vermarktung können damit gefördert werden. Was genau möglich wird, da ist sicherlich noch vieles offen. Das Risiko besteht jetzt erst mal darin, dass der Landrat das Ganze für seinen Wahlkampf nutzt. So tut er in dem Artikel so, als ob der Landkreis einen Wettbewerb gewonnen hätte. Was einfach Unsinn ist, denn alle Landkreise sind jetzt zu Ökomodellregionen geworden. Wahrscheinlich war es eher so, dass die grüne Ministerin Priska Hinz merkte, dass sie zulegen muss, um die selbstgesteckten Ziele von mehr Ökolandbau in Hessen auch zu erreichen und deshalb die Bedingungen, Ökomodellregion zu werden so runtergesetzt hat, dass es schließlich gelang, alle Landkreise zu Ökomodellregionen zu erklären. Da kam selbst unser Landrat nicht drumherum, mitzumachen. Und jetzt schmückt er sich damit, als ob damit eine besondere Leistung erbracht worden wäre. Und er gibt dem Ganzen gleich einen Drive, seine Lieblingsideen von „innovativer Zukunftstechnologie“ und der „Digitalisierung der Landwirtschaft“ in den Vordergrund zu stellen. Bei der ersten Ausschreibung von Ökomodellregionen ist er mit der Idee, dass mit innovativer „Technik der Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln reduziert werden“ kann, gescheitert. Der Kreis Bergstraße kam nicht in die Modellförderung, weil dieser Ansatz keine ausreichend nachhaltige Ökologisierung der Landwirtschaft darstellt. Und jetzt lanciert er wieder diese Idee! Hoffen wir, dass eine kompetente Koordinatorin für das Modellprojekt eingestellt wird und dass viele an Ökologisierung und regionaler Vermarktung interessierte Landwirte, Vermarkter und BürgerInnen sich engagieren, damit die Chancen der Modellförderung gut genutzt werden.

10.7.20 Photovoltaik und Landwirtschaft kombinieren! von Otto Merkel

Energieried, GGEW und Entega planen in Lampertheim eine große Photovoltaikanlage auf einer Fläche, das zurzeit Ackerland ist. In einem ersten Anlauf sind sie am Bürstädter Gemeinderat gescheitert. Bürstadt besitzt eine Sperrminorität bei Energieried, deshalb hat Bürstadt mitzureden. Inzwischen sind neue Gespräche geführt wurden, die den Planern Hoffnung machen, ihr Projekt doch noch durchzubekommen.
Zu den entsprechenden Artikeln im Bergsträßer Anzeiger habe ich folgenden Leserbrief geschrieben:

Es wird nicht ganz klar, ob die Planer bei Energieried, GGEW und Entega und vor allem die   KommunalpolitikerInnen in Lampertheim und Bürstadt bedacht haben, dass es inzwischen auch Photovoltaik gibt, die mit landwirtschaftlicher Bewirtschaftung verbunden werden kann, sogenannte Agrohotovoltaik. Es handelt sich um hochgeständerte Photovoltaikanlagen, die auch mehr Abstand voneinander haben, so dass man auch mit großen Maschinen drunter durchfahren und den Boden bewirtschaften kann, nicht nur, dass einige Schafe grasen können. Zugegebenermaßen ist diese Methode noch wenig verbreitet und es gibt überwiegend Versuchsanlagen dazu. Man hat festgestellt, dass bestimmte Pflanzen, z.B. Sellerie, Weizen und Kartoffeln, bei einer solchen teilweisen Verschattung sogar höhere Erträge erbringen. Diese Solaranlagen sind teurer und erbringen weniger Ertrag, aber kombiniert mit dem landwirtschaftlichen Ertrag lohnen sie sich. Und vor allem: die Flächen werden nicht der landwirtschaftlichen Produktion entzogen und bringen Solarstrom. Man sollte solche Möglichkeiten prüfen!

31.5.20 Wirologen empfehlen von Otto Merkel

Führende Wirologen empfehlen:
Die Pandemie des andauernden Wachstums und der Naturzerstörung muss dringend bekämpft und eingedämmt werden.
Durch eine Mutation entstand ein Virus, das immer größere Mengen an Kapital, an Profit und damit an Macht bei wenigen Menschen anhäuft. Die Krankheitsverläufe sind oft sehr schwerwiegend und kaum heilbar. Es werden nicht nur die Konten der betroffenen Menschen befallen, sondern oft noch andere Körperteile, insbesondere das Gehirn.
Die schwerwiegenden Krankheitsverläufe müssen identifiziert und isoliert werden.
Die öffentliche Länderberichterstattung der Konzerne ist dazu wichtig. Dadurch können die Hotspots der Gewinnverschiebungen identifiziert und bekämpft werden.
Das Erstaunliche: Wirksame Arzneien sind bekannt, nicht eine allein, sondern eine ganze Palette von Arzneimitteln müssen verabreicht werden.
Durch wirksame Besteuerung großer Einkommen, Vermögen und Erbschaften muss der Reproduktionsfaktor R deutlich unter 1 gedrückt werden, d.h. die großen Vermögen müssen kleiner werden.
Auch eine Finanztransaktionssteuer hat sich in klinischen Studien als signifikant wirksam erwiesen. Und es gibt noch Vieles mehr.
Aber noch erstaunlicher: Die Kranken wollen sich gar nicht heilen lassen. Sie glauben, sie seien gesund. Und sie sind mächtig und schlau und entziehen sich bisher einer Behandlung. Sie wollen uns sogar glauben machen, es wäre für uns alle schlecht, wenn man sie heilen würde.
Wirologen jedoch halten die Entwicklung einer Gemeinwohlökonomie zur Eindämmung dieser Pandemie für zwingend notwendig, entsprechend dem fundamentalen Grundsatz der Wirologie: „Ein gutes Leben für alle!“

23.2.20 Photovoltaik in Bensheim von Otto Merkel

Gleich zwei Anträge zur Förderung der Photovoltaik gab es am 13.2.20 in der Stadtverordnetenversammlung. Der eine von der Grünen Liste Bensheim initiiert zusammen mit CDU, SPD und FWG. Und der andere von den Bürgern für Bensheim allein.
Ich war bei der Stadtverordnetenversammlung, um mir anzuhören, wie über Photovoltaik geredet und entschieden wird.
GLB, CDU, SPD und FWG beantragten, auf einer Freifläche westlich der Autobahn gegenüber der Raststätte Bergstraße, die durch Flächentausch in den Besitz der Stadt gekommen ist, bis zu 4 Meter hochgeständerte Photovoltaik-Module aufzustellen, so, dass darunter Gras wachsen und Schafe weiden können. Doris Sterzelmaier von den Grünen begründeten dies mit vielen großen Worten und Hinweisen, dass dies eine folgerichtige Fortsetzung ihrer seitherigen Politik darstelle. Die CDU machte ebenfalls viele große Worte, SPD und FWG äußerten sich nur knapp und zustimmend. Ulrike Vogt-Saggau äußerte für die Bürger für Bensheim ihre Zustimmung, aber mit dem – meines Erachtens zutreffenden – Hinweis, Photovoltaik auf Freiflächen sei nur zweite Wahl gegenüber Photovoltaik auf eh schon versiegelten Flächen. Die FDP sprach sich lustigerweise dagegen aus, weil Photovoltaik in der Natur problematisch und auf versiegelten Flächen viel besser sei. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit beschlossen.
Der Antrag der Bürger für Bensheim ging weiter. Als erstes soll der Magistrat einen Plan für die Realisierung größere Solaranlagen auf Dachflächen und über (Park-)Plätzen erstellen. Das klang, wie wenn man der Verwaltung nicht so recht traut, dass sie ihren Aufgaben gut nachkommt. Konkret weiß ich nicht, ob diese Skepsis berechtigt ist. Aber es ist häufige Erfahrung, dass die Verwaltung in Routine erlahmt. Zum zweiten soll der Magistrat eine „enge Zusammenarbeit mit der BürgerSolarBeratung für die Werbung für Photovoltaik-Anlagen auf privaten Dachflächen“ eingehen. Stadtrat Oyan meinte, sie arbeiteten mit der BürgerSolarBeratung (http://www.buergersolarberatung.de) zusammen, insofern sie Bürger*innen, die zur Beratung oder Antragsstellung für einen Zuschuss für eine Solaranlage ins Rathaus kommen, auf die zusätzlich mögliche Beratung durch die BürgerSolarBeratung hinweisen würden. Damit redete er haarscharf am Thema vorbei. Nun gut, vielleicht wollte er nichts zum Thema sagen, aber es wirkte so, als ob damit der Antrag überflüssig sei.
Und als drittes, der Magistrat soll einen „Solar-Rat“ einberufen.
Ulrike Vogt-Saggau machte für die Bürger für Bensheim deutlich, dass bei allem, was schon dankenswerterweise getan wurde, die Ergebnisse bisher noch sehr dürftig seien: Es werden erst 1,7% des Bensheimer Stromverbrauchs mit Bensheimer Solaranlagen erbracht. Man könne durch gute Ausnutzung von Dachflächen in Bensheim auf 50-60% kommen! Das zeige die Wichtigkeit, aktiv bei Bürger*innen dafür zu werben!
Gegen den Antrag wurde argumentiert im Sinne von: überflüssig, läuft doch alles schon, die Verwaltung macht doch schon alles, was geht, so einfach sei es ja nicht, Photovoltaik auf Dächer zu bauen (Statik!) und was die Privatleute machen, sei eh deren Sache und Räte als unverbindliche Laber-Gremien gebe es schon mehr als genug.
Mein Eindruck insgesamt:
Den Grünen gelang es, realpolitisch eine ausreichende Mehrheit für einen Schritt vorwärts zu organisieren. Das war gut!
Dass der Antrag der Bürger für Bensheim derart niedergemacht wurde, fand ich verheerend, insbesondere die Ablehnung einer Werbekampagne für Photovoltaikanlagen auf Privathäusern. Wenn man das eine oder andere bei einem Antrag für etwas unausgegoren hält, so gibt es schließlich immer noch die Möglichkeit, einen Antrag in die Ausschüsse zu verweisen, statt ihn vollständig abzulehnen. Aber die Mehrheit lehnte ab.
Ich stell mir vor: Die Verwaltung wirbt intensiv und unermüdlich dafür, dass Firmen und Privatleute ihre Dächer mit Photovoltaik bestücken. Sie arbeitet, wo immer möglich, dazu mit kompetenten und engagierten Bürger*innen zusammen. Sie geht selber zügig und kreativ mit eigenen Flächen voran, macht öffentlich, wie viele Bürger*innen zur Energieberatung kommen, wie viele Anträge auf Zuschüsse bei ihr eingehen, sie „klagt“ über die Antragsflut und fordert ggf. zusätzliche Mittel und Personal ein. Und Stadtverordnete reden ehrlicher, auch selbstkritischer und so, dass man spürt, sie haben verstanden, welch große Aufgabe die Energiewende und der Klimaschutz bedeuten, dass da nämlich noch viel mehr als seither zu tun ist. Das spürte ich bei dieser Sitzung nur sehr vereinzelt. Am meisten bei Ulrike Vogt-Saggau von den Bürgern für Bensheim und mit Einschränkungen bei Doris Sterzelmaier von den Grünen, mit Einschränkungen, weil sie hauptsächlich die Kontinuität der seitherigen Politik der Koalition betonte, aber nicht recht erkennbar war, dass eigentlich noch viel mehr zu tun wäre.

8.2.20 Landrats-Aikido von Otto Merkel

Beim Aikido ist es so: Wenn mich jemand körperlich angreifen will, so nehme ich zwar mit dem Angreifenden Kontakt auf, gehe aber nicht direkt dagegen, sondern weiche aus, lenke den Angriff so um, dass ich die Energie des Angriffs gegen den Angreifenden wende und ihn aus dem Gleichgewicht bringe.
Der Landrat scheint diese Methode zu beherrschen. Ich weiß nicht, wo er trainiert.
Im letzten Frühjahr/Sommer kam durch die Fridays for Future überraschend viel in Bewegung. Auch in einer Stadt wie Bensheim demonstrierten Hunderte! Und lauter junge Leute! Keiner hätte das vorher so gedacht. Die Grüne Jugend griff das auf, startete eine Petition, dass der Kreistag den Klimanotstand ausrufen soll. Die Grüne Fraktion übernahm die Forderung als Antrag in den Kreistag. Katja Knoch initiierte mit Erfolg das Klimabündnis Bergstraße. Auch die SPD war angesteckt und griff dies auf, allen voran Karsten Krug, Dezernent im Kreis. Da musste auch die CDU und der Landrat geschmeidig mitgehen. Die Koalition im Kreistag stellte einen modifizierten, die ganze Sache etwas abschwächenden Antrag, der dann auch in großer Einmütigkeit (CDU, SPD, Grüne, FWG, Linke) beschlossen wurde. Wobei schon damals der Landrat eine Rede hielt und eine ellenlange Reihe von Dingen aufzählte, was der Landkreis ja schon alles macht, aber Bereitschaft zeigte, doch das eine oder andere noch hinzuzufügen oder zu intensivieren.
Inzwischen hat der Landrat und die politischen Vertreter, die das bürokratische Weiter-So lieben, wieder Tritt gefasst. Bei der anstehenden Einladung zu dem damals beschlossenen Nachhaltigkeitsbeirat ließ der Landrat sich beraten und lud ein sehr breites Spektrum an Personen ein, von Seiten der Klimaschutzbewegung und des Naturschutzes hauptsächlich schon langjährig bekannte Vertreter und ausdrücklich nicht die Initiatorin des Klimabündnisses, Katja Knoch. Und er schlägt eine breite Palette von Themen vor, nämlich die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN. Wahrscheinlich nach der Erfahrung: Wenn man über sehr Vieles redet, kommt wahrscheinlich wenig Klares raus.
So hat er die Weichen für das Weiter-So gestellt.
Noch eine Episode im Kleinen:
Schüler*innen der Geschwister-Scholl-Schule gingen auf den Landrat zu mit dem Anliegen, eine Solaranlage auf dem Dach ihrer Schule zu errichten. Offensichtlich war das überraschend und vor allem, dass es von Schüler*innen kam, so dass der Landrat geschmeidig reagieren musste und zustimmte. Auch dazu, dass die Energiegenossenschaft Starkenburg das Projekt realisieren darf.
Aber auch nach diesem „Angriff“, den er geschmeidig parierte, konsolidierte er seine Position. Zukünftige Projekte auf Schuldächern übernimmt der Kreis selber und das Potential wird erst einmal mithilfe einer Bachelor-Arbeit untersucht. Damit hat man erst mal wieder Ruhe im Karton für einige Monate und die Kapazitäten der Kreisverwaltung, nun ja, da geht dann alles wieder seinen ruhigen bürokratischen Gang.
Im Aikido gibt es eine Steigerung im Schwierigkeitsgrad: Mehrere Personen greifen eine einzelne Person an, aus unterschiedlichen Richtungen und schnell hintereinander. Ein Könner wehrt sie alle ab und schmeißt sie auf die Matte.
Ob unser Landrat auch so ein Könner ist? Wir können es ja testen!
Sorgen wir für unterschiedliche Initiativen!
Gucken wir, dass sie recht schnell eine nach der anderen kommen!
Finden wir überraschend neue Akteure!
Und wenn viele Menschen beteiligt sind, ist es noch besser!

13.1.20 Können die Klimaziele überhaupt erreicht werden, ohne dass die Wirtschaft zusammenbricht und unser ganzer Wohlstand flöten geht? von Otto Merkel

Wenn Du Dir darüber ernsthaft Gedanken machst, so hast Du Gelegenheit, am 9.3.20 in der Kübel-Schule in Bensheim einen prominenten Vertreter der Postwachstumsökonomie oder des Degrowth-Ansatzes live anzuhören, nämlich Niko Paech.
Wenn Du bereit bist, sogar schwere wissenschaftliche Kost zu Dir zu nehmen, so kannst Du Dir auch von der Webseite des Bundesumweltamtes die Studie
Gesellschaftliches Wohlergehen innerhalb planetarer Grenzen.Der Ansatz einer vorsorgeorientierten Postwachstumsposition. (194 Seiten)
herunterladen.
Niko Paech ist jemand, der sehr entschieden die Auffassung vertritt, dass es nicht damit getan ist, umweltfreundlichere Energie zu beziehen oder ressourcenschonendere Geräte zu benutzen. Die Klima- und Umweltkrise lässt sich nicht mit Technologie lösen, sondern nur dadurch, dass wir unseren Lebensstil ändern. Denn was bringt es, wenn wir eine Solaranlage auf unser Dach bauen lassen, aber jedes Jahr mit dem Flugzeug in Urlaub oder sogar nach Übersee fliegen. Es kommt drauf an, wieviel CO2 wir pro Person ausstoßen, nicht wieviel für die Herstellung oder das Benutzen eines Geräts ausgestoßen wird. Denn die Tendenz, immer mehr zu konsumieren, ist offensichtlich. Die Wirtschaft darf nicht mehr weiterwachsen, muss sogar schrumpfen, in einem hochindustrialisierten Land wie Deutschland. Das gesellschaftliche Wohlergehen kann trotzdem gehalten werden: weniger Erwerbsarbeit, Geld und Konsum, dafür mehr Zeit für selbstbestimmte Tätigkeiten, Freizeit und soziale Kontakte. Und Menschen müssen selber Schritte unternehmen in diese Richtung.
Das ist kurz zusammengefasst in etwa die Degrowth-Position.

Wem es dabei etwas mulmig wird, neigt vielleicht mehr zur Position des „Green Growth“.
Damit ist die Auffassung gemeint, dass die Wirtschaft ruhig weiterwachsen kann, aber sie muss dazu gebracht werden, umweltschonendere Technologien zu entwickeln und zu verwenden. So können wir unseren Wohlstand beibehalten und trotzdem die Klimaziele erreichen.
Dazu neigt die Politik eher.
Meiner Meinung nach neigt die Politik dazu aber eher nur in Worten oder nur in den Überschriften oder allgemeineren Floskeln. Ich finde es oft schwer auseinanderzuhalten, inwieweit Politiker nur so reden, um gut dazustehen und die Leute zu beruhigen oder inwieweit sie auch auf einer konkreten Ebene tatsächlich das Ziel verfolgen, die Klimaziele einzuhalten.
In der genannten Studie wird unter „Green Growth“ ein Konzept verstanden, womit man tatsächlich und ernsthaft anstrebt, die Klimaziele zu erreichen, nicht die oft wolkigen Formulierungen von Politikern.
Aber trotzdem: Wird dies gelingen? Und wie?
Ist es zwingend erforderlich ist, dass die Wirtschaft schrumpfen muss, um die Klimaziele zu erreichen (wie der Degrowth-Ansatz sagt)? Wir wissen es nicht, sagt die Studie.
Oder kann die Wirtschaft weiterwachsen und trotzdem die Klimaziele erreichen (wie der Green-Growth-Ansatz sagt)? Anders gesagt: Kann es gelingen, das Wirtschaftswachstum von den schädlichen ökologischen Auswirkungen zu entkoppeln und zwar ausreichend und schnell genug zu entkoppeln? Das wissen wir auch nicht, so die Studie.
Jetzt könnte man denken: Dann sind ja alle Klimaschutzmaßnahmen umsonst. Dann machen wir am besten gar nichts.
Oder: Unseren Wohlstand zu riskieren, das wollen wir auf keinen Fall. Dann nehmen wir lieber die Klimaveränderungen in Kauf.
Aber beides wäre natürlich Unsinn, denn die Klimaveränderungen werden ihren immer katastrophaleren Verlauf nehmen, ob es uns passt oder nicht.
Die Autoren der Studie meinen, dass wir mit der Ungewissheit umgehen müssen und trotzdem unsere Wirtschaft und Gesellschaft so verändern müssen, dass „die planetaren Grenzen“, wie sie sagen, eingehalten werden und „zentrale Prinzipien sozialer Gerechtigkeit“ beibehalten werden. Sie nennen ihre Position „vorsorgeorientierte Postwachstumsposition“.
In einer Grafik lassen sich die verschiedenen Auffassungen so darstellen:

Die Grafik ist der Studie entnommen.
BIP = Bruttoinlandsprodukt
Mit „Postwachstum“ meinen die Autoren ihre „vorsorgeorientierte Postwachstumsposition“. Was üblicherweise unter Postwachstumsökonomie verstanden wird, fassen sie unter „Degrowth“ zusammen!

Wer sich gründlicher mit den verschiedenen Auffassungen, ihren Begründungen und wie fundiert diese sind, befassen möchte, dem sei diese Studie empfohlen. Sie gibt zumindest einen groben Überblick, halt eben in der üblichen wissenschaftlichen Sprache. Die Autoren argumentieren m.E. sehr vorsichtig. Wenn empirische Ergebnisse zu einer Aussage nicht so eindeutig sind oder nur wenige Untersuchungen vorliegen, so sagen sie lieber: man kann es nicht sagen.
Die Autoren schlagen zum Schluss folgende Maßnahmen vor:
1. Die Politik sollte die ökonomischen Rahmenbedingungen so verändern, dass umweltschädliche Auswirkungen in die Preise hineingenommen werden, etwa durch eine CO2-Steuer oder durch CO2-Zertifikate.
2. Man sollte neue Pfade der gesellschaftlichen Entwicklung mit Beteiligung der Bürger*innen ausprobieren, also soziale Experimente ermöglichen. Denn wir wissen oft nicht, was wirklich weiterführt und deshalb macht es Sinn, etwas zuerst im kleineren Rahmen auszuprobieren.
3. Sie legen ausführlich dar, dass unser Renten- und unser Gesundheitssystem nur funktioniert, wenn die Wirtschaft andauernd weiterwächst. Deshalb sei es sehr wichtig, alles dranzusetzen, solche zentralen Institutionen so zu verändern, dass sie auch ausreichend funktionieren, wenn die Wirtschaft nicht weiterwächst oder vielleicht sogar schrumpft. Ansonsten sei das gesellschaftliche Wohlergehen gefährdet.

Ihre Handlungsvorschläge sind sehr allgemein. Die sehr wichtige Frage, ob es nötig ist, dass die Politik bestimmte Dinge einfach auch verbietet und in welchem Ausmaß, behandeln sie gar nicht. Da waren sie sich wohl nicht einig.
Man sollte also nicht zu viel von dieser Studie erwarten.

29.12.19 Was muss jetzt kommen: Widerstand oder Law and Order? von Otto Merkel

Gedanken zu dem gleichnamigen Artikel von Martin Unfried in der Zeitschrift Futur Zwei, Nr. 11, S. 32-35
Die zentrale Argumentation dieses Artikels ist: Egal wie dramatisch die Klimakrise ist, unsere demokratische Verfasstheit darf nicht infrage gestellt werden. Meint: Das Parlament macht Gesetze, die Regierung führt sie aus und die Gerichte wachen darüber. So unvollkommen das sein mag und so bitter es ist, wenn aus unserer Sicht die falschen – sogar verheerend falschen – Dinge beschlossen und entschieden werden. Diese Demokratie und diese offene Gesellschaft ist von grundlegendem Wert und muss verteidigt werden.
Es ist somit nicht akzeptabel, wenn die Bewegung Extinction Rebellion sich auf einen höheren Wert beruft und von diesem aus die Legitimität des Parlaments infrage stellt.
Denn es könnte passieren, dass die AfD in ähnlicher Weise sich auf einen höheren Wert beruft und z.B. gegen Windkraft rebelliert. Und was sagen wir dann?
Also müssen wir die Legitimität des Parlaments verteidigen, egal was es beschließt.
Das ist auch der positive Unterschied der Fridays for Future, dass sie von der Politik fordern, den Pariser Vertrag, der ja offiziell beschlossen ist, auch einzuhalten – im Unterschied z.B. zu der 68-er Bewegung, die den Staat bekämpfte.
Die Auseinandersetzungen müssen mit dem Ziel geführt werden, dass die Regierung, das Parlament die für den Klimaschutz notwendigen Dinge beschließt und die müssen dann auch durchgesetzt werden. Gesetze und die Ordnung müssen durchgesetzt werden. Mit ein Grund, diese Autoritäten nicht anzugreifen. Und natürlich auch, um die Demokratie und die offene Gesellschaft zu erhalten, eine Diktatur abzuwehren, auch bei krisenhaften Entwicklungen.
Soweit ein Hauptgedanke dieses Artikels, dem ich weitgehend zustimmen kann.
Aber mir fehlt da einiges.

In der linken Tradition gibt es die Sichtweise – und die finde ich im Kern immer noch überzeugend – dass es in unserer Gesellschaft eine Machtzusammenballung gibt, die ihre Macht gerade auch dazu nutzt, diese Zusammenballung von Macht zu verschleiern und es dadurch den Menschen schwer macht, ihre eigenen Interessen realistisch wahrzunehmen und entsprechend für sie einzutreten. Dass die Rechte eine ähnliche Argumentation benutzt, macht diese Sichtweise ja nicht einfach falsch.
Es ist meines Erachtens völlig in Ordnung, dass eine Bewegung sich auf einen höheren Wert beruft, den sie in der gegenwärtigen Politik unbeachtet oder nur am Rande berücksichtigt findet und ich glaube, dass gerade daraus eine Bewegung auch ihre Kraft gewinnt. Soweit ich einen Überblick habe, ist das sogar typisch für Bewegungen.
Dass sich daraus und aus der erlebten Ohnmacht auch Vorstellungen ergeben, den Staat oder die Polizei oder das Parlament abzuschaffen oder zumindest zu entmachten, sollte von professionellen Durchblickern erstmal in seinem Kontext gut verstanden und nicht gleich abgelehnt werden.
In dem Maße, indem eine Bewegung an Einfluss gewinnt, sind diese Punkte natürlich kontrovers zu diskutieren. Aber dies zu einem Zeitpunkt in den Mittelpunkt zu stellen, in dem die Klimabewegung ja noch viel zu wenig erreicht hat – bezogen auf das, was nötig ist – also leider noch recht ohnmächtig ist, halte ich das für unpassend.
Denn was bleibt an Möglichkeiten?
Wir haben ja die Situation, wo sich offensichtlich viele Aktivisten der Fridays for Future fragen, ob es Sinn macht, angesichts des geringen Erfolgs so weiter zu machen wie seither. Einige neigen wohl zu Aktionen des zivilen Widerstands, andere rufen dazu auf, in Parteien zu gehen, wieder andere sind vielleicht ratlos oder resignieren womöglich.
In dieser Situation sagt ein Profi wie Martin Unfried: Ihr liegt richtig darin, eure Forderungen an die Politik zu richten und damit deren Legitimität anzuerkennen und es wäre falsch, diese infrage zu stellen.
Ja, was folgt daraus? Was sollte man dann tun?

Anders und noch kürzer formuliert die Hauptaussage dieses Artikels:
Der Vater sagt zur Tochter: „Werde ja nicht so radikal! Denk an unsere Demokratie und auch den Staat brauchen wir, richtigen Klimaschutz durchzusetzen.“
Fragt die Tochter: „Was soll ich dann machen?“
Sagt der Vater: „Weiß ich auch nicht.“
Sag ich: „So ist es wohl.“